Gemeinsam denken
Manchmal begegnet Dir in Deiner eigenen Arbeit etwas, für das ein zusätzlicher Blick hilfreich wird.
Dabei kann sich eine Frage zeigen, die über den eigenen Untersuchungsraum hinausführt.
Wenn ein Würgereiz Fragen aufwirft
Eine Schiene ist geplant, die Versorgung fachlich sinnvoll — und schon der Abdruck oder das Einsetzen löst einen ausgeprägten Würgereiz aus.
Für die zahnärztliche Behandlung entsteht damit eine ganz praktische Frage: Warum reagiert diese Patientin so stark — und was lässt sich tun?
In unserer Untersuchung kommt eine weitere Frage hinzu:
Wozu dient diese Reaktion dem System der Patientin?
Der Würgereiz schützt. Als Arbeitshypothese gehen wir zunächst davon aus, dass auch eine ausgeprägte Reaktion unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Funktion erfüllt.
Diese Frage führt in unseren funktionellen Untersuchungsraum. Wir schauen, was sich im Zusammenspiel von Kiefer, Mundboden, Schlucken, Atmung und angrenzenden Funktionen zeigt — und wie sich dieses Zusammenspiel verändert, wenn einzelne Bedingungen gezielt verändert werden.
So wird der Würgereiz selbst zur Information. Aus ihr können neue Hypothesen entstehen — und möglicherweise Bedingungen, unter denen die geplante zahnärztliche Versorgung besser möglich wird.
Wenn eine Hypothese weiterwandert
Ein osteopathischer Kollege vermutet eine Beteiligung der Mm. pterygoidei und empfiehlt seinem Patienten, das Kauorgan zusätzlich untersuchen zu lassen.
Diese Hypothese ist ein Ausgangspunkt.
In der funktionellen Untersuchung können sich neben dem ursprünglich vermuteten muskulären Zusammenhang beispielsweise Auffälligkeiten beim Schlucken, in der Stimmfunktion oder in der Koordination des Kiefers zeigen.
Die Ausgangshypothese lässt sich damit gezielt weiter prüfen.
Eine vorübergehende Veränderung der Bisssituation — etwa im Meersseman-Test — kann zeigen, ob sich dadurch auch ein Befund an anderer Stelle verändert. Eine solche Reaktion beweist keine Ursache. Sie liefert zusätzliche Information darüber, welche Zusammenhänge für diesen Patienten weiter geprüft werden sollten.
Diese Information kann anschließend wieder in die osteopathische Untersuchung einfließen. Dort zeigt sich, welche Bedeutung sie im eigenen Befund bekommt und was daraus für die weitere Behandlung folgt.
Die nächste Beobachtung kann wiederum eine neue Frage aufwerfen.
Grenzen schaffen Verbindung
Ein Diaphragma wird anatomisch häufig als Grenze beschrieben: Es trennt zwei Räume voneinander.
Aus einer anderen Perspektive verbindet dieselbe Struktur genau diese Räume miteinander.
Fachliche Grenzen können eine ähnliche Funktion erfüllen.
Jede Profession hat ihren eigenen Untersuchungsraum, ihre eigenen Möglichkeiten und ihre eigene Verantwortung. An seinen Grenzen entstehen Anschlussstellen für andere Fachbereiche.
Eine zahnärztliche Beobachtung kann so zum Ausgangspunkt einer funktionellen Untersuchung werden. Eine osteopathische Hypothese kann bei uns geprüft und erweitert werden. Unsere eigene Untersuchung kann wiederum eine Frage aufwerfen, die in einen ärztlichen, zahnärztlichen oder anderen fachlichen Untersuchungsraum führt.
Was an diesen Schnittstellen entsteht, fließt in die weitere Untersuchung und Behandlung ein.
So kann aus einer Grenze Verbindung entstehen.
Was wir miteinander teilen
Erinnerst Du Dich an das Diaphragma?
Seine Grenze hat zwei Seiten. Auf beiden Seiten setzen Strukturen an, stehen mit ihm in Kontakt oder gehen kontinuierlich in es über.
Auch fachliche Anschlussstellen funktionieren in beide Richtungen.
Bei einer funktionellen Dysphonie kann sich beispielsweise die Arbeitshypothese ergeben, dass das Kauorgan die Stimmfunktion mit beeinflusst oder einen bestehenden Zustand aufrechterhält. Daraus entsteht eine konkrete Frage an die Zahnmedizin — und die zahnärztliche Rückmeldung wird wiederum Teil unserer weiteren funktionellen Einordnung.
Ebenso können sich in unserer Untersuchung parietale oder viszerale Zusammenhänge zeigen, deren weitere Untersuchung und Behandlung in einen osteopathischen oder anderen fachlichen Untersuchungsraum führt. Auch hier geben wir unsere Beobachtung und Arbeitshypothese mit und beziehen die fachliche Rückmeldung in unsere weitere Arbeit ein.
Die fachliche Rückmeldung daraus ist für unsere eigene Arbeit wertvoll. Sie fließt in die weitere Untersuchung ein, kann eine Arbeitshypothese verändern und den nächsten therapeutischen Schritt mitbestimmen.
Genauso geben wir zurück, was sich bei uns gezeigt hat: welche Befunde relevant waren, welche Hypothesen sich daraus ergeben haben und was sich unter einer gezielten Veränderung gezeigt hat.
Auf Wunsch erhältst Du einen ausführlichen Befundbericht. Wo bereits eine unmittelbare Zusammenarbeit besteht, kann die fachliche Rückmeldung auch direkt erfolgen.
Was daraus auf beiden Seiten entsteht, kann wiederum neue Fragen aufwerfen.
Gemeinsam denken heißt für uns deshalb auch: Eine Frage darf sich zwischen unterschiedlichen fachlichen Perspektiven verändern.
Zwei Wege zu uns
Patienten können auf zwei Wegen zu uns kommen.
Mit ärztlicher oder zahnärztlicher Verordnung führt der Weg über die Logopädie.
Ein unmittelbarer Zugang ohne vorherige Verordnung ist über die Heilpraxis möglich.