Akademie 6. Oktober 2026

Wir wissen es nicht

Was macht da mit?

Beim zweiten Gummibärchen ging der Kiefer zur Seite. Gemahlen statt geknackt, und geübt hatte das niemand. Eine Frage habe ich damals nicht gestellt: Wer hat ihn dorthin gebracht?

Eine Erklärung kommt einem immer wieder zu Ohren, zumindest für die halbe Bewegung: Der Mund gehe auf, weil der Unterkiefer fällt. Zubeißen sei Muskelarbeit, Öffnen sei Schwerkraft. Prüf das selbst.

Du brauchst einen Spiegel. Deine Hände brauchst Du diesmal nicht. Dieser Versuch ist zum Hinschauen, nicht zum Tasten. Am seitlichen Hals liegt manches, das man nicht auf eigene Faust drückt – also lass die Hände unten.

Tut die Bewegung weh, blockiert der Kiefer oder fühlt sie sich deutlich instabil an, dann lass den Versuch aus. Ein bekanntes, schmerzfreies Knacken allein ist kein Grund abzubrechen. Bleib aber immer im angenehmen Bereich.

Der Kiefer

Stell Dir vor, Dein Unterkiefer bewegt sich auf einem Ziffernblatt. 12 Uhr ist die Ruheschwebe: Der Kiefer schwebt, ohne dass Du etwas dazu beiträgst, die Zähne berühren sich nicht, die Lippen liegen locker. 6 Uhr ist der Mund in einer angenehm weiten Öffnung. 9 Uhr ist der Unterkiefer nach links verschoben, so weit es leicht und schmerzfrei geht, 3 Uhr entsprechend nach rechts. Links und rechts gelten von Dir aus, nicht vom Spiegelbild.

Nimm diese vier Punkte zuerst einzeln ein, einen nach dem anderen. Dann wanderst Du von 12 Uhr aus Stunde für Stunde in einem möglichst runden, kleinen bis mittelgroßen Bogen einmal herum, zurück zur 12. Danach in die Gegenrichtung. Zeitlupentempo. Der Atem fließt.

Weiter, wenn Du in beide Richtungen einmal herum warst

Welche dieser Richtungen könnte die Schwerkraft übernommen haben?

Nach 3 Uhr zieht sie nicht, nach 9 Uhr auch nicht – eine Seite kennt sie nicht. Ehrlich bleibt höchstens 6 Uhr. Dort, wo der Mund aufgeht, klingt die Erklärung noch plausibel.

Dazu ein Gedankenexperiment, kein Auftrag – niemand muss dafür auf den Kopf. Dieselbe Übung lässt sich im Kopfstand machen; wer ihn beherrscht, kann das bestätigen. Wäre die Schwerkraft der Mechanismus, der den Mund öffnet, müsste die aktive Öffnung verschwinden, sobald sie in die entgegengesetzte Richtung wirkt. Sie bleibt aber möglich: Auch kopfüber lässt sich der Unterkiefer aktiv öffnen.

Was sich gegen die Schwerkraft aktiv öffnen lässt, wird nicht durch sie geöffnet.

Also Muskeln. Fürs Zubeißen kennt jeder welche: den Wulst an der Wange, der hart wird, wenn Du die Zähne zusammenbeißt, die Spannung an der Schläfe. Aber wer öffnet? Und wer schiebt den Kiefer nach 3 Uhr und nach 9 Uhr?

Der Hals

Noch einmal dasselbe Ziffernblatt, dasselbe Tempo. Diesmal schaust Du nicht auf den Kiefer, sondern auf den seitlichen Hals, zwischen Ohr und Schlüsselbein.

Weiter, wenn Du hingeschaut hast

Wahrscheinlich ist Dir zuerst etwas Großflächiges aufgefallen. Bei 6 Uhr spannt sich über den Hals ein dünnes Tuch bis unter das Schlüsselbein, manchmal mit feinen Strängen darin. Das ist ein flacher Muskel direkt unter der Haut, verwandt mit der Muskulatur der Mimik (Platysma).

Dann der kräftige Strang, der vom Ohr schräg zum Brustbein zieht. Arbeitet er mit dem Kiefer – oder mit dem Kopf?

Und dahinter? Weiter hinten-unten, in der Grube über dem Schlüsselbein: Zeigt sich dort eine schmale, deutlich schräger verlaufende Struktur, die bei bestimmten Kieferbewegungen kurz hervortritt? Sie zeigt sich nicht an jedem Hals gleich deutlich. Wenn Du sie nicht gesehen hast, ist der Versuch nicht misslungen. Das ist einfach eine Beobachtung an Deinem Hals – und die Frage bleibt dieselbe.

Das Platysma passt zu diesem Verlauf schlecht. Es liegt breit und oberflächlich über dem vorderen und seitlichen Hals und zieht kranial zur Mandibula und unteren Gesichtshälfte. Die schmale Struktur, nach der wir schauen, erscheint weiter dorsal und zieht deutlich schräg von hinten-unten nach vorn-oben.

Woher, wohin

Folg ihr mit dem Blick, so weit es geht. Nach hinten-unten verliert sie sich in Richtung Schulterblatt. Nach vorn-oben verschwindet sie unter dem kräftigen Halsstrang und zieht in Richtung Zungenbein – zu jenem Knochen, der frei im Hals hängt.

Schulterblatt und Zungenbein. Zwei Enden, die mit dem Unterkiefer zunächst nichts zu tun zu haben scheinen.

Der anatomische Kandidat für diese schräge Verbindung hat einen Namen: M. omohyoideus. Unter den infrahyoidalen Muskeln ist er der einzige, der bis zum Schulterblatt reicht. Er hat zwei Muskelbäuche. Seine Zwischensehne ist faszial geführt und prägt den charakteristischen Richtungswechsel seines Verlaufs.

Eine Übersichtsarbeit aus diesem Jahr stellt schon im Titel die Frage, was über seine Funktion bekannt ist. Von 41 eingeschlossenen Arbeiten befassen sich nur 14 mit seiner Funktion. Ein geschlossenes Funktionsmodell entsteht daraus nicht. Ob er die Kieferbewegung führt, ihr folgt oder einem anderen Teil des Systems etwas bereitstellt, das diese Bewegung braucht: Genau das bleibt offen.

Bis zum 26. Oktober bleibt die Frage hier stehen. Dann gehe ich ihr nach – mit der Anatomie, mit dem, was die Literatur hergibt, und mit dem, was sich daraus prüfen lässt.

Der übersehene Vermittler

M. omohyoideus – eine Struktur zwischen Stimme, Schlucken, Kiefer und Kopfschmerz. Vortrag in der NOVAFON Masterclass.

Montag, 26.10.2026 · 18:00 Uhr · online

Zur Anmeldung →

Quelle

Korfage, H. J. A. M., Engelsman, A. F., Langenbach, G. E. J., & Jacobs, K. (2026). Transecting the omohyoid muscle, but what is known of its function? A scoping review. Translational Research in Anatomy, 43, 100484.

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