Akademie 16. Juni 2026
Wer bist Du, während Du tust?
Ich wollte diesen Teil der Akademie mit Werkzeugen eröffnen. Mit den Dingen, die ich über Jahre gebaut, gesammelt, an mir und an anderen erprobt habe – Handgriffe, Übungen, kleine Kniffe, die im richtigen Moment erstaunlich viel bewegen. Ich hatte die Liste schon im Kopf. Aber irgendwas hat sich dabei nicht richtig angefühlt.
Es dauerte, bis ich es benennen konnte. Ein Werkzeug ist nichts ohne den Koffer, der ihm seinen Platz gibt – und der Koffer nichts ohne die Hand, die hineingreift – und die Hand nichts ohne das, was sie führt. Wer mit dem Werkzeug anfängt, fängt zu spät an. Schon das Reden über die Werkzeuge wäre ein Stück Akademie gewesen – und genau deshalb war es das Falsche zum Anfang. Das Ehrliche war, darunter zu gehen.
Und dort, ganz unten, wartet ein Wort, das Du längst kennst. Du benutzt es jeden Tag, vielleicht ohne je zu hören, was darin steckt: Anamnese. Wir meinen damit das Erheben der Vorgeschichte – alles, was ein Mensch mitbringt, ehe wir auch nur eine Hand anlegen. Aber das Wort ist älter als seine medizinische Verwendung, und in dieser älteren Bedeutung heißt es: Wieder-Erinnerung. Das Hervorholen dessen, was schon da war.
Lass das einen Moment stehen. Es verschiebt etwas. Wenn im Kern unserer Arbeit ein Erinnern steckt und kein Einsetzen, dann installieren wir nicht – wir holen heraus. Nicht alles, versteht sich; manche Bewegung muss tatsächlich neu gebaut werden, ein Lippenschluss, ein Schluckmuster, das so noch nie da war. Ich will das Bild nicht überdehnen. Aber die Richtung stimmt: Das Wesentliche bringt der Mensch schon mit. Unsere Kunst ist seltener das Hinzufügen als das Freilegen.
Und jetzt das Eigentliche – warum das hier steht und nicht im logopädischen oder im heilkundlichen Teil. Dort behandle ich; das ist Therapie. Hier lehre ich, und das ist etwas anderes. Auch Lehre kann denselben Fehler machen wie schlechte Therapie: Sie kann meinen, sie müsse füllen. Ein Modul von der Stange tut genau das – es schüttet Inhalte aus, gleich, wer davorsitzt. Aber wer je wirklich etwas gelernt hat, weiß: Es war nie das Eingefüllte, das blieb. Es war der Moment, in dem jemand Dir half, etwas herauszuholen, das in Dir schon angelegt war – Du hast es nur noch nicht gewusst. Die Akademie behandelt Dich nicht. Sie erinnert Dich.
Ich nenne das eine Akademie. Das ist ein großes Wort – ursprünglich ein Hain vor den Toren Athens, in dem vor über zweitausend Jahren gelehrt wurde, draußen, neben der Stadt. Ich gebrauche es im Wissen um seine Größe, mit dem Respekt, den es verlangt. Und das „neben" gehört dazu: nicht daneben, sondern ergänzend. Dieser Ort liegt bewusst neben dem geregelten Ausbildungsweg, nicht gegen ihn. Die Ausbildung gibt das Fundament – das Prüfbare, das Kodifizierbare, und das ist viel und unverzichtbar. Was sie nicht halten kann, ist das, was sich keiner Prüfung fügt: die Art, wie Du bei einem Menschen bist, während Du mit ihm arbeitest. Genau dort fängt eine Akademie an – nicht weil die Ausbildung versagt, sondern weil das nie ihre Aufgabe sein konnte.
Eine gute Fortbildung gibt Dir kein Werkzeug in die Hand, das Du nicht hattest – sie erinnert Dich an die Haltung, aus der Du längst arbeitest, und schärft sie.
Dass ich diesen Weg selbst gehen musste, ehe ich diese Akademie eröffnen konnte, war kein Umweg. Es war der Anfang.
Die Werkzeuge kommen. Versprochen – sie sind der Grund, warum es diesen Ort gibt. Aber sie bedeuten erst von hier aus etwas. Erst, wenn die Frage darunter steht, die Du Dir bei jedem Griff, jeder Übung, jeder Begegnung neu stellen kannst: nicht, was Du tust – sondern wer Du bist, während Du tust.