Akademie 3. Juli 2026

Geliehen und zurückgegeben

Wem gehört, was ich leihe?

Vor einiger Zeit saß eine Kollegin in der Supervision und wurde mitten im Satz still. Zehn Minuten lang hatte sie von einem Patienten erzählt, der nicht weiterkam, und von allem, was sie ihm angeboten hatte – Deutungen, Auswege, gute Sätze. Dann sagte sie: „Ich habe ihm die ganze Zeit Antworten gegeben. Er hatte ja meine. Also konnte er seine nicht finden."

Der Satz blieb im Raum stehen, weil er das Gute am Helfen in sein Gegenteil verkehrte. Geben gilt als das Edle daran. Hier hatte das Geben den Weg verstellt. Etwas war von ihr zu ihm übergegangen und dort liegengeblieben, wo Eigenes hätte wachsen sollen. Und damit stellt sich eine Frage, die harmloser klingt, als sie ist: Wie gäbe ich Dir etwas, das Deins wird – und nicht meines, das in Dir steckenbleibt? Wem gehört, was ich leihe?

Was das Wort weiß

Das Wort weiß mehr, als wir ihm zutrauen. Leihen meint an seiner Wurzel nicht geben. Die alte Form, auf die es zurückgeht, heißt lassen, zurücklassen, übriglassen. Leihen ist eine Weise des Loslassens: Wer leiht, gibt aus der Hand im Wissen, dass es zurückkommt – und lässt es währenddessen los. Die Kollegin hatte nicht geliehen. Sie hatte eingesetzt, eingepflanzt, dagelassen. Das Loslassen hatte gefehlt.

Geliehen ist an der Wurzel: losgelassen.

Dabei zieht das Wort einen langen Schatten von Verwandten hinter sich her, die alle vom Zurückgelassenen handeln: das Relikt, das Übriggebliebene; die Reliquie, der verehrte Rest; das, was übrig ist, wenn der andere gegangen ist. Leihen und Zurücklassen wohnen in derselben Wortfamilie. Man erwartet also, am Ende eines Leihens bleibe etwas liegen.

Beim guten Helfen ist es umgekehrt. Da bleibt kein Rest. Der Patient, dessen Stimme wieder trägt, trägt nicht meine Stimme in sich; er hat seine zurück. Was ich ihm geliehen habe, war nie meines – es war ein Boden, auf dem das Seine wieder gelang, und ich behandle ihn jedenfalls so, als gehörte dieser Boden von Anfang an ihm. Ich habe ihn einen Moment mitgetragen, mehr nicht. Damit beantwortet sich die Frage von vorhin: Wem gehört, was ich leihe? Dir. Es hat immer Dir gehört. Die Kollegin hatte das Gegenteil getan – sie hatte etwas dagelassen, das ihm nicht gehörte, und darum fand er das Seine nicht.

Die Hebamme

Für dieses Helfen gibt es ein altes Bild. Sokrates, dessen Mutter Hebamme war, nannte sein Fragen Hebammenkunst. Er behauptete, selbst nichts hervorzubringen; er half dem anderen, zu gebären, was in ihm lag. Die Frage, die so fragt, entnimmt keine fertige Antwort. Sie macht den Raum, in dem eine Antwort zum ersten Mal entsteht – eine, die es vorher nicht gab und die dem gehört, der sie findet. Die Kollegin hatte für ihren Patienten geantwortet. Sokrates lässt den anderen antworten. Das eine erspart die Geburt, das andere entbindet.

Es ist dieselbe Bewegung, die an anderer Stelle das Ich im Erzählen entstehen ließ: nicht von außen eingesetzt, sondern in der eigenen Rede zum ersten Mal gebildet.

Was dann noch bleibt

Und doch wäre es zu glatt, hier zu enden. Denn etwas bleibt – nur nicht dort, wo wir es zuerst gesucht haben. Nicht im anderen, als Niederschlag meiner selbst. Sondern zwischen uns, im Augenblick, in dem es geschieht. Wenn eine verspannte Stimme sich löst, während daneben eine unverspannte spricht, springt etwas über, das beide bemerken und keiner zeigen kann. Man kann sagen, was vorausging und was folgte; den Übergang selbst hält keine Beschreibung fest.

Hier wird die ehrliche Frage unausweichlich, die größere hinter der kleinen: Was ist das für ein Rest? Etwas, das wir noch nicht wissen und eines Tages wissen werden – oder etwas, das sich nie aufschreiben lässt, weil dort das Erklären an seine Grenze stößt und eine andere Art des Verstehens beginnt? Ich weiß es nicht. Eine Tafel, die danach fragt, was wir leihen, darf auch diese Frage offenlassen.

Wie der geliehene Boden in der Stimme klingt, steht in der ersten Tafel; wie das Zurückhalten ihn freigibt, in der zweiten.

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